Fußballweisheit: Der Sturm gewinnt Spiele, die Abwehr gewinnt Meisterschaften

Eine weit verbreitete Fußballweisheit lautet: Der Sturm gewinnt Spiele, die Abwehr gewinnt Meisterschaften. Auf der anderen Seite werden von den Vereinen vor allem für Stürmer unglaubliche Geldsummen in die Hand genommen. So sind die 10 teuersten Spieler aller Zeiten allesamt Offensivkräfte. Wie passt das zusammen? Ist es wichtiger die beste Abwehr oder den besten Sturm zu haben, um am Ende der Saison ganz oben zu stehen? Und wie sieht es im Tabellenkeller aus? Wer hat die schlechteren Karten, den Klassenerhalt zu schaffen? Die Schießbude der Liga oder die Mannschaft, welche die wenigsten Treffer erzielt? Rasen1mal1 untersucht die Abschlusstabellen aller bisherigen Bundesligaspielzeiten, um der Sache auf den Grund zu gehen!

tore_saisonDie Grafik zeigt die Tabellenplätze des besten Angriffs (blau), der besten Verteidigung (grün), des schlechtesten Angriffs (rot) und der schlechtesten Verteidigung (türkis) in allen Bundesligasaisons von 1963/64 bis 2013/14. Eine erste interessante und wichtige Information, die wir aus der Grafik ziehen können, ist, dass die Mannschaft, welche den besten Angriff in einer Saison gestellt hat, oft nicht gleichzeitig auch am besten verteidigt hat. Lediglich in 12 von 51 Bundesligasaisons hat der Verein mit den meisten Toren auch die wenigsten Gegentreffer hinnehmen müssen. Ganz ähnlich verhält es sich am Tabellenende. In nur 5 von 49 Saisons (mit mindestens 18 Mannschaften) hat der Verein mit den wenigsten Torerfolgen auch die meisten Gegentore kassiert. Allerdings ist es schwer zu erkennen, ob der beste Angriff oder die beste Verteidigung besser abgeschnitten hat. Einen besseren Überblick bekommt man mit Hilfe eines Histogramms:

offence_defence_histAuch hier ist kein klarer Vorteil für Angriff oder Verteidigung auszumachen. Tatsächlich haben beste Verteidigung und bester Angriff genau gleich oft, nämlich in 26 von 51 Spielzeiten, die Meisterschaft errungen.  Auch am Tabellenende ist keine signifikanter Vorteil erkennbar. Die durchschnittliche Tabellenplatzierung und die zugehörigen Standardabweichungen sind in der folgenden Tabelle gegeben:

Mittelwert Tabellenplatz Standardabweichung
bester Angriff 2,11 1,82
beste Verteidigung 2,25 2,11
schlechtester Angriff 16,35 1,98
schlechteste Verteidigung 16,67 1,89

Man erkennt, dass der beste Angriff im Mittel eine leicht bessere Platzierung erreicht hat. Auf der anderen Seite hat die schlechteste Verteidigung etwas schlechter abgeschnitten als der schlechteste Angriff. Aufgrund der nah beieinander liegenden Werte und der recht kleinen Stichprobengröße, kann allerdings nicht von einem signifikanten Effekt gesprochen werden.

Es sieht so aus als gäbe es weder für Angriff noch für Verteidigung einen klaren Vorteil. Allerdings gibt es eine weitere Feinheit, welche es zu berücksichtigen gibt. In der Saison 1995/96 wurde eine entscheidende Regeländerung vorgenommen: die Einführung der 3-Punkte Regel. Vor dieser Saison gab es für einen Sieg nur zwei Punkte, danach drei. Dies könnte zu einer Verschiebung der Kräfteverhältnisse geführt haben. Um zu untersuchen, ob Angriff oder Verteidigung von einer 2- oder 3-Punkte Regel profitieren, berechnen wir die durchschnittliche Anzahl gewonnener, unentschieden beendeter und verlorener Spiele. Sind diese Verteilungen verschieden für den besten Angriff und die beste Verteidigung, so hat eine der beiden von der Regeländerung profitieren können und man sollte die Daten vor und nach 1995 separat behandeln. Die folgende Tabelle zeigt die prozentualen Anteile der gewonnen, unentschiedenen und verlorenen Spiele. Für die Berechnung wurden hier nur Bundesligasaisons verwendet, in denen bester Angriff und beste Verteidigung nicht von der selben Mannschaft gestellt wurden.

Siege Unentschieden Niederlagen
bester Angriff 56,9% 24,3% 18,8%
beste Verteidigung 54,7% 26,4% 18,9%

Die Vereine mit dem besten Angriff haben etwas mehr Siege generiert als die Vereine mit der besten Verteidigung. Die Mannschaften mit der besten Verteidigung haben dafür ein paar mehr Partien mit einem Unentschieden beendet. Dies würde bedeuten, dass der Sturm gegenüber der Abwehr von der Einführung der 3-Punkte Regel profitieren konnte. Andererseits sind die Unterschiede sehr gering und wiederum nicht signifikant unter Berücksichtigung der Stichprobengröße. Interessanterweise haben die Mannschaften mit dem besten Angriff sowohl mit 2-Punkte als auch mit 3-Punkte Regel mehr Punkte pro Spiel generiert als die beste Verteidigung:

Punkte pro Spiel (3-Punkte Regel)

Punkte pro Spiel (2-Punkte Regel)

bester Angriff 1,95 1,38
beste Verteidigung 1,91 1,36

Wie stark die  Anzahl der Tore bzw. Gegentore eines Teams überhaupt mit dem Tabellenplatz korreliert ist kann man noch genauer untersuchen:

tore_punkte_boxplotDie x-Achse der Grafik zeigt den Tabellenplatz eine Teams, wenn nur die Anzahl der Tore (oben) bzw. Gegentore (unten) als Wertung genommen würden. Für jede Platzierung erhalten wir eine Verteilung von tatsächlichen Tabellenplätzen (nach Punkten). Diese werden durch einen sogenannten Boxplot dargestellt. Die rote Linie zeigt den Median. Das heißt, jeweils eine Hälfte der Datenpunkte liegt je über und unter diesem Wert. Die blaue Box wird durch das untere bzw. obere Quartil begrenzt. 50% der Datenpunkte liegen also innerhalb der Box. Die gestrichelte Linie entspricht dem 1,5 fachen des oberen bzw. unteren Quartils. Die blauen Kreuze kennzeichnen Datenpunkte, welche außerhalb dieses Bereiches liegen. Die Daten aller 51 Bundesligaspielzeiten von 1963/64 bis 2013/14 sind in die Statistik mit eingeflossen. Man erkennt, dass beide – der Tabellenplatz nach meisten Toren, und der Tabellenplatz nach wenigsten Gegentoren – keine besonders gute Prädiktoren für das tatsächliche Abschneiden in der Liga sind. So hat beispielsweise der achtbeste Angriff in einer Saison die Meisterschaft gewonnen und ist in einer anderen auf dem 17. Platz gelandet und damit abgestiegen. Genauso beendete die achtbeste Verteidigung mal eine Saison auf Platz 2 und beendete eine andere mit dem 18. Tabellenplatz.

Zusammenfassend können wir sagen, dass weder die beste Verteidigung noch der beste Angriff bessere Chancen auf die Meisterschaft hat. Ebenso schneidet die Mannschaft mit den meisten Gegentreffern nicht schlechter ab, als diejenige mit den wenigsten Toren. Wenn überhaupt, dann ist ein kleiner Vorteil für die Mannschaften mit dem besten Angriff auszumachen. Insbesondere ist es anzunehmen, dass die Mannschaften mit dem besten Angriff von der Einführung der 3-Punkte Regel profitiert haben, da ein Unentschieden in einer Partie mit vielen Toren unwahrscheinlicher ist als in einer Partie mit wenigen Treffern. Die Weisheit „Der Sturm gewinnt Spiele, die Abwehr gewinnt Meisterschaften“ findet sich in den Daten der bisherigen Bundesligaspielzeiten also nicht wieder und muss damit als falsch bewertet werden!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *